/ 17.06.2013
Erwin Wickert
Die glücklichen Augen. Geschichten aus meinem Leben
Stuttgart/München: Deutsche Verlags-Anstalt 2001; 542 S.; geb., 25,- €; ISBN 3-421-05152-6Lebenserinnerungen von deutschen Diplomaten sind selten ein Lesevergnügen. Allzu deutlich merkt man oft, dass die Verfasser in ihrem langen Arbeitsleben vor allem staubtrockene Berichte ans Auswärtige Amt gekabelt haben. Bei Wickert ist dies anders. Er kämpfte lange mit sich, ob er überhaupt in den Auswärtigen Dienst eintreten solle: Das Romaneschreiben war ihm viel zu wichtig. Tatsächlich veröffentlichte er auch während seiner Karriere als Diplomat eine Reihe von zumeist historischen Romanen. I...
Erwin Wickert
Die glücklichen Augen. Geschichten aus meinem Leben
Stuttgart/München: Deutsche Verlags-Anstalt 2001; 542 S.; geb., 25,- €; ISBN 3-421-05152-6Lebenserinnerungen von deutschen Diplomaten sind selten ein Lesevergnügen. Allzu deutlich merkt man oft, dass die Verfasser in ihrem langen Arbeitsleben vor allem staubtrockene Berichte ans Auswärtige Amt gekabelt haben. Bei Wickert ist dies anders. Er kämpfte lange mit sich, ob er überhaupt in den Auswärtigen Dienst eintreten solle: Das Romaneschreiben war ihm viel zu wichtig. Tatsächlich veröffentlichte er auch während seiner Karriere als Diplomat eine Reihe von zumeist historischen Romanen. In diesem Erinnerungsband berichtet er viel darüber, wie er die beiden wichtigsten Seiten seines beruflichen Lebens unter einen Hut zu bringen versuchte: einerseits die literarische Arbeit und andererseits die Tätigkeit im diplomatischen Dienst, die ihn zeitweise an die Schaltstellen der deutschen Außenpolitik führte. Privates und Berufliches stehen in seinen Erinnerungen gleichrangig nebeneinander. Der Ton ist ein entspanntes, aber kluges, bisweilen sogar ironisches Erzählen. Man erfährt viel über den Menschen Wickert, seine Wertmaßstäbe und Interessen. Gleichzeitig berichtet der Autor aus der Perspektive des erfahrenen Praktikers von der Arbeit auf seinen Dienststellen in Bonn, London und Bukarest. Die ebenso wichtigen Jahre als Botschafter in Peking bleiben ausgespart, weil Wickert schon an anderer Stelle sehr detailliert darüber geschrieben hat. Besonders aufschlussreich sind die Kapitel über Wickerts Zeit als deutscher Botschafter in Rumänien. Die Schilderung der Begegnungen mit dem "Conducator" zeichnen ein treffendes Bild der absurden Welt dieses kommunistischen Tyrannen. Dabei spart Wickert allerdings auch nicht mit kritischen Anmerkungen bzw. Andeutungen über die deutsche Außenpolitik gegenüber Ceausescu. Die sozialliberale Regierung Brandts war ihm wohl manches Mal viel zu blauäugig und vorauseilend konzessionsbereit. Besser kommen da der Außenminister des Kabinetts Ehrhard, Gerhard Schröder, und dessen Staatssekretär Carstens weg. Die enge Zusammenarbeit mit ihnen war für Wickert eine herausfordernde, aber erfüllte Phase seiner Tätigkeit im Auswärtigen Amt. Obwohl er sich sehr ernsthaft mit den wichtigen politischen Fragen der damaligen Zeit auseinandersetzt, verliert er doch nie die Verknüpfung von menschlichem Verhalten mit der hohen Politik aus dem Auge. Die Schilderungen der liebenswerten Skurrilitäten der feinen englischen Gesellschaft während seiner Zeit als Gesandter in England bringen den Leser so manches Mal zum Schmunzeln. Wickert erzählt jedoch auch immer wieder von seiner Familie, seinen Romanen und seinen Freunden. Das Buch wird so zum Zeugnis eines langen, erfüllten Lebens, auf das Wickert mit einem Hauch von Wehmut zurückblickt. Aber mit dem Türmer in Goethes Faust, aus dessen "Türmerlied" der Titel entnommen ist, zieht Wickert ein positives Fazit. Die glücklichen Augen haben viel gesehen: Es sei wie es wolle, es war doch so schön.
Walter Rösch (WR)
M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.3
Empfohlene Zitierweise: Walter Rösch, Rezension zu: Erwin Wickert: Die glücklichen Augen. Stuttgart/München: 2001, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/15571-die-gluecklichen-augen_17752, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 17752
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M. A., Politikwissenschaftler.
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