Skip to main content
/ 12.06.2013
Andreas Hasenclever

Die Macht der Moral in der internationalen Politik. Militärische Interventionen westlicher Staaten in Somalia, Ruanda und Bosnien-Herzegowina

Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2000 (Studien der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung 36); 468 S.; kart., 44,99 €; ISBN 3-593-36778-5
Politikwiss. Diss. Tübingen; Gutachter: V. Rittberger, A. Boeckh. - Am Beispiel so genannter humanitärer Interventionen untersucht die Studie Fälle außenpolitischer Entscheidungen, die jenseits des Erklärungshorizontes rationalistischer Theorien der Internationalen Beziehungen zu liegen scheinen. Ziel ist es, die rationalistische These von der Ohnmacht moralischer Erwägungen bei Interventionsentscheidungen zu widerlegen. Hierzu bedient sich der Autor des so genannten moralsoziologischen Ansatzes...
Andreas Hasenclever

Die Macht der Moral in der internationalen Politik. Militärische Interventionen westlicher Staaten in Somalia, Ruanda und Bosnien-Herzegowina

Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2000 (Studien der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung 36); 468 S.; kart., 44,99 €; ISBN 3-593-36778-5
Politikwiss. Diss. Tübingen; Gutachter: V. Rittberger, A. Boeckh. - Am Beispiel so genannter humanitärer Interventionen untersucht die Studie Fälle außenpolitischer Entscheidungen, die jenseits des Erklärungshorizontes rationalistischer Theorien der Internationalen Beziehungen zu liegen scheinen. Ziel ist es, die rationalistische These von der Ohnmacht moralischer Erwägungen bei Interventionsentscheidungen zu widerlegen. Hierzu bedient sich der Autor des so genannten moralsoziologischen Ansatzes. Dieser geht davon aus, dass immer dann, wenn die Kluft zwischen außenpolitischer Praxis und den moralischen Überzeugungen einer demokratischen Gesellschaft breiter wird, der Handlungsdruck auf Regierungen wächst, diese wahrgenommene Sein-Sollens-Differenz abzubauen. An drei Fallbeispielen (Somalia, Ruanda, Bosnien-Herzegowina) wird zunächst das Versagen realistischer und liberaler Erklärungsansätze zur Begründung der Interventionsentscheidung nachgewiesen. Die Überzeugungskraft der Beweisführung wird leider etwas dadurch gemindert, dass einige gewichtige Argumente vernachlässigt werden. So hat z. B. die Frage der Bürgerkriegsflüchtlinge aus Ex-Jugoslawien das Handeln der Staaten der Europäischen Union nicht unbedeutend beeinflusst. Bemerkenswert ist das vom Autor eingeführte Analyseinstrument der moralischen Struktur des Kontextes humanitärer Notlagen. Für die Opfer humanitärer Notlagen ergibt sich die moralische Struktur demzufolge aus der Gegenüberstellung der einschlägigen Rechte und Pflichten in Notsituationen. In einem Vergleich von fünf Faktoren (Not der Opfer, Machbarkeit einer Intervention, Risiken für die Helfer, Schuld, Subsidiarität) kann der Autor nachweisen, dass sich in allen drei untersuchten Fällen diese Struktur geändert hat. Die daraus entstehenden Handlungserwartungen der Bevölkerung haben dann wiederum zur Interventionsentscheidung der jeweiligen Regierungen geführt. Die vom Autor schließlich nahe gelegte Kontextualisierung realistischer Erklärungsansätze lässt sich aber ohne weiteres auch auf die Anwendung des moralsoziologischen Ansatzes übertragen. So hätte die moralische Indiziensuche durchaus in einem engeren Zusammenhang mit der Rolle moderner Massenmedien und den für Interventionsentscheidungen bedeutsamen Aufmerksamkeitszyklen der Öffentlichkeit gestellt werden müssen. Die zukünftige Forschungsrichtung wird vom Autor mit der Hoffnung auf multivariante Modelle der Analyse militärischer Interventionen schließlich selbst vorgegeben. Insgesamt gelingt der Studie der angestrebte Nachweis von "Spuren der Moral" in der internationalen Politik in nachvollziehbarer Weise. Sie stellt damit eine aktuelle Ergänzung etablierter rationalistischer Erklärungsansätze dar, die wiederum in den komplexen Zusammenhängen humanitärer Notlagen vor allem Fälle der Nicht-Intervention verständlicher machen. Aus dem Inhalt: 1. Der Begriff der militärischen Intervention; 2. Erklärung militärischer Interventionen im Realismus; 3. Erklärung militärischer Interventionen im rationalistischen Liberalismus; 4. Erklärung militärischer Interventionen im moral-soziologischen Ansatz: 4.1 Analytische Relevanz gesellschaftlich verankerter moralischer Überzeugungen; 4.2 Moral der Menschenwürde und der Menschenrechte; 4.3 Die Grundannahmen des moralsoziologischen Ansatzes und ihre Plausibilisierung; 4.4 Das Erklärungsmodell des moralsoziologischen Ansatzes zu militärischen Interventionen in humanitären Krisengebieten; 4.5 Moralsoziologische Hypothesen zur außenpolitischen Gewaltanwendung. 5. Die militärische Intervention der Staatengemeinschaft in Somalia; 6. Die militärische Intervention Frankreichs in Ruanda; 7. Die militärische Intervention der NATO in Bosnien-Herzegowina.
Thomas Henzschel (TH)
Dr., Auswärtiges Amt, Arbeitsstab Iran.
Rubrizierung: 4.414.12.672.62 Empfohlene Zitierweise: Thomas Henzschel, Rezension zu: Andreas Hasenclever: Die Macht der Moral in der internationalen Politik. Frankfurt a. M./New York: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/13900-die-macht-der-moral-in-der-internationalen-politik_16661, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 16661 Rezension drucken
CC-BY-NC-SA