/ 12.06.2013
Irmtrud Wojak
Eichmanns Memoiren. Ein kritischer Essay
Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2001; 279 S.; geb., 25,50 €; ISBN 3-593-36381-XWährend seiner Haft in Israel schrieb Adolf Eichmann in den Jahren 1960 und 1961 zwei umfangreiche autobiographische Texte unter dem Titel "Meine Memoiren" beziehungsweise "Götzen". Ersterer kam 1960 zu den Prozessakten und wurde von der Anklagebehörde während des Verfahrens als Informationsquelle benutzt, während das zweite Manuskript parallel zum Prozess entstand. Obwohl es von Eichmann zur Veröffentlichung bestimmt war, wurde es in der Folge nicht publiziert, sondern vom Staat Israel unter Ve...
Irmtrud Wojak
Eichmanns Memoiren. Ein kritischer Essay
Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2001; 279 S.; geb., 25,50 €; ISBN 3-593-36381-XWährend seiner Haft in Israel schrieb Adolf Eichmann in den Jahren 1960 und 1961 zwei umfangreiche autobiographische Texte unter dem Titel "Meine Memoiren" beziehungsweise "Götzen". Ersterer kam 1960 zu den Prozessakten und wurde von der Anklagebehörde während des Verfahrens als Informationsquelle benutzt, während das zweite Manuskript parallel zum Prozess entstand. Obwohl es von Eichmann zur Veröffentlichung bestimmt war, wurde es in der Folge nicht publiziert, sondern vom Staat Israel unter Verschluss gehalten. 1999 erhielt die Autorin (als erste Wissenschaftlerin) vollständigen Zugang zu beiden Quellen. Für diese Untersuchung hat sie darüber hinaus das dritte umfassende Selbstzeugnis Eichmanns ausgewertet, ein zwischen 1956 und 1959 in vielen mehrstündigen Sitzungen entstandenes Interview, das der Niederländer und ehemalige SS-Offizier Willem Sassen mit dem in Argentinien untergetauchten Eichmann führte (seit 2000 als Tonbandmitschnitt im Bundesarchiv in Koblenz). Erstmals werden damit die wichtigsten autobiographischen Dokumente zur Person Eichmanns im Ganzen erschlossen und ausgewertet. Ziel der Untersuchung ist eine Neuinterpretation der Persönlichkeit des SS-Obersturmbannführers und eine neue Bewertung der Rolle, die Eichmann im Rahmen der "Endlösung" zukam. Dazu macht sich die Autorin den gegenwärtigen Stand der NS- und Holocaust-Forschung zunutze und vermag so, das von Hannah Arendt im Begriff der "Banalität des Bösen" geprägte Urteil zu modifizieren: "Die Kombination aus einem perfekten Bürokraten und einem rabiaten Nazi blieb [Arendt] jedoch verborgen, obwohl darin das entscheidende Merkmal der Karriere Eichmanns lag. Sie erst ergab den bedingungslosen Funktionär, [...] ohne den die Totalität des Unrechts nicht möglich gewesen wäre." (9)
Michael Hein (HN)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Arbeitsstelle für graphische Literatur, Universität Hamburg, freier Lektor, Übersetzer, Publizist.
Rubrizierung: 2.312
Empfohlene Zitierweise: Michael Hein, Rezension zu: Irmtrud Wojak: Eichmanns Memoiren. Frankfurt a. M./New York: 2001, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/13892-eichmanns-memoiren_16653, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 16653
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Arbeitsstelle für graphische Literatur, Universität Hamburg, freier Lektor, Übersetzer, Publizist.
CC-BY-NC-SA