/ 20.06.2013
Klaus von Beyme
Das Zeitalter der Avantgarden. Kunst und Gesellschaft 1905-1955
München: C. H. Beck 2005; 995 S.; Ln., 58,- €; ISBN 3-406-53507-0Die Künstler der Avantgarde haben sich nicht nur in ihren Bildern „mit der sozialen und politischen Heillosigkeit der Welt“ (13) auseinander gesetzt, sondern auch theoretisch. Diese Theorien wertet von Beyme nicht wie kunsthistorisch üblich als Begleitmusik der künstlerischen Werke, sondern stellt sie aus sozial- und politikhistorischer Perspektive auf einen eigenen Platz in der politischen Ideengeschichte. Im Mittelpunkt dieser Netzwerk-Analyse stehen die Künstler der Geburtsjahrgänge 1880 bis 1910, die sich im „Spannungsfeld von Theorie der Kunst und Realität von Gesellschaft und Politik“ (28) exponierten. Ihre theoretischen Arbeiten, die „ein mächtiger Impuls in der Avantgarde waren“ (276), werden in den Kontext der sozialen Herkunft und Lebensweise der Künstler gestellt. Außerdem untersucht von Beyme die Chancen der Avantgarde auf dem damaligen Kunstmarkt, Fragen der Gleichberechtigung und das politische Engagement der Künstler in Demokratien und Diktaturen. Die unterschiedlichen Strömungen und Schulen der Avantgarde berücksichtigt er in Länderstudien. So pluralistisch die Avantgarde in ihrer Verarbeitung von wissenschaftlichen, okkulten und religiösen Elementen auch erscheint, lässt sich doch als allgemeine Tendenz ein kultureller Anarchismus ausmachen, der die meisten Künstler vor ihrer Vereinnahmung durch die Politik (und damit dem mutmaßlichen Ende ihrer Kunst) rettete. Ein Sonderfall aber war Filippo Tommaso Marinetti. Er war der Chefideologie der italienischen Futuristen, einer der einflussreichsten avantgardistischen Gruppen und machte später als Faschist unter Mussolini Karriere. Dennoch setzte Marinetti einen Meilenstein auf dem Weg in die moderne Gesellschaft: Als er vor dem Ersten Weltkrieg mit einer Flugblattaktion in Berlin auf eine Ausstellung der Futuristen aufmerksam gemacht habe, schreibt von Beyme, „wurde erstmals ein neuer Adressat entdeckt: die Massen traten an die Stelle einer begrenzt informierten Öffentlichkeit“ (241).
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.22 | 2.23 | 2.311 | 2.35 | 2.331 | 2.312 | 2.61 | 2.62 | 2.64
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Klaus von Beyme: Das Zeitalter der Avantgarden. München: 2005, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/24665-das-zeitalter-der-avantgarden_28492, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 28492
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