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/ 20.06.2013
Angelika Ebrecht

Die Seele und die Normen. Zum Verhältnis von Psychoanalyse und Politik

Gießen: Psychosozial-Verlag 2003 (Psyche und Gesellschaft); 375 S.; brosch., 36,- €; ISBN 3-89806-261-9
Politikwiss. Habilitationsschrift Berlin; Gutachter: W.-D. Narr, I. Staeuble, H. Funke, J. A. Schülein. - Wie entwickeln sich kollektive Vorstellungen davon, wie Menschen handeln sollen? Wie werden diese Vorstellungen institutionell verankert und auf welche Weise wirken sie sozial integrativ? Vor dem Hintergrund dieser Fragen und gestützt auf die Psychoanalyse Freuds untersucht die Autorin am Beispiel der symbolischen Repräsentation, des Totalitarismus, der Moral und des Geschlechterverhältnisses das Wirken intersubjektiver normativer Übereinkünfte auf individuelle psychische Vorgänge. Sie geht dabei von der Grundannahme aus, dass „öffentlich reklamierte Normen durch Symbolisierungsprozesse entworfen werden, die tief ins Unbewusste eines Menschen hineinreichen und dort verankert sind“ (11). Allerdings seien nicht alle Aspekte der Normbildung stabilisierend, zu beachten seien auch destruktive Konfliktpotenziale. Aus politikwissenschaftlicher Sicht ist bedauerlich, dass Ebrecht ihre Aufsätze zur Moral und zum Geschlechterverhältnis vornehmlich im 18. Jahrhundert ansiedelt - so interessant ihre Ausführungen auch sind, hätten doch gegenwartsbezogene Beispiele die Relevanz ihres Ansatzes stärker betont. Dies zeigt die Analyse der Moral jugendlicher rechtsextremer Gewalttäter und deren Einordnung in die politische Kultur in der Bundesrepublik nach 1945. In einem Spannungsfeld von Generationenkonflikten und dem Nachwirken der Schuld, die aus der NS-Zeit resultiert, „markieren rechtsradikale Jugendliche die Brüche in der Moral und im Narzißmus der Deutschen“ (183). Erklärungsmuster wie die eines „autoritären“ oder „demokratischen“ Charakters verwirft Ebrecht einleuchtend als nicht aussagekräftig. Insgesamt erklärt sie überzeugend, dass die „dunklen und unintegrierten Anteile der menschlichen Seele“, die nicht im Politischen berücksichtigt werden, eine „sprengende Kraft“ (15) entfalten können. Sie kritisiert daher, dass die Politischen Wissenschaften hinsichtlich der Psychologie bisher blind seien.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 5.422.272.35 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Angelika Ebrecht: Die Seele und die Normen. Gießen: 2003, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/22101-die-seele-und-die-normen_25197, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 25197 Rezension drucken
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