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/ 20.06.2013
Ulrich Adamheit

"Jetzt wird die deutsche Wirtschaft von ihrer Geschichte eingeholt" Die Diskussion um die Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter am Ende des 20. Jahrhunderts

Berlin: BWV Berliner Wissenschafts-Verlag GmbH 2004 (Berliner Juristische Universitätsschriften 32); 559 S.; kart., 59,- €; ISBN 3-8305-0858-1
Rechtswiss. Diss. HU Berlin; Gutachter: R. Schröder, G. Werle. – Im August 2000 trat das „Gesetz zur Errichtung einer Stiftung ‚Erinnerung, Verantwortung und Zukunft’“ in Kraft mit dem Ziel, ehemalige Zwangsarbeiter zu entschädigen. Vorausgegangen war eine juristische, politische und in den Medien geführte Debatte, die Adamheit ausführlich darstellt. Ausgangspunkt war die von der Bundesregierung jahrzehntelang vertretene Auffassung, dass Entschädigungen von Zwangsarbeitern rechtlich den Reparationen zuzuordnen seien. Auf diese hätten die anderen europäischen Länder aber verzichtet und teilweise im Rahmen von „Globalabkommen“ bereits Geld erhalten. Nur die polnische Regierung habe dieser Rechtsauslegung stetig widersprochen und die weiterhin bestehenden Entschädigungsansprüche Einzelner betont, schreibt der Autor. In der Bundesrepublik sei den Zwangsarbeitern der Status als Opfer des NS-Regimes versagt und damit nicht einmal der vorenthaltene Lohn nachgezahlt worden. Diese ignorante Haltung sei erst mit der „Flick-Affäre“ erschüttert worden. Der frühere stellvertretende Hauptankläger beim Internationalen Militärtribunal in Nürnberg, Robert M. W. Kempner, habe 1984 den zu Politikern so großzügigen Flick an die Verpflichtung zur Entschädigung der früher für den Flickkonzern arbeitenden Zwangsarbeiter erinnert. Adamheit schildert, wie sich in den folgenden Jahren die Grünen und die SPD im Bundestag vergeblich für eine Entschädigungsregelung einsetzten, die Bundesregierung und die angesprochenen Unternehmen aber alle Forderungen abwehrten. Erst politischer Druck aus den USA habe zu einem Sinneswandel geführt. Deutsche Wirtschaftsunternehmen hätten vor dem Hintergrund der Schweizer Affäre über die nachrichtenlosen Konten nun Umsatzeinbußen oder gar Boykotte gefürchtet. In der Folge seien erst private Entschädigungsfonds eingerichtet und dann schließlich das Entschädigungsgesetz ausgehandelt worden.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.352.3122.3212.3222.3232.331 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Ulrich Adamheit: "Jetzt wird die deutsche Wirtschaft von ihrer Geschichte eingeholt" Berlin: 2004, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/23591-jetzt-wird-die-deutsche-wirtschaft-von-ihrer-geschichte-eingeholt_27090, veröffentlicht am 25.06.2007. Buch-Nr.: 27090 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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