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/ 20.06.2013
Lothar Bisky

So viele Träume. Mein Leben

Berlin: Rowohlt 2005; 299 S.; 19,90 €; ISBN 3-87134-474-5
„Ich ging in Richtung Grenze, erreichte den Drahtzaun und bog den Stacheldraht hoch, sodass ich unverletzt durchschlüpfen konnte. Ich stand auf und war im Osten.“ (37) 1959 flüchtete Bisky als 18-jähriger aus Schleswig-Holstein, als Kind von Vertriebenen war er dort nicht heimisch geworden. Er begann, ganz vorsichtig und ohne viel Wasser aufzuwirbeln gegen den Strom zu schwimmen, bis heute. Seine Flucht war kein endgültiger Abschied, noch war die Mauer durchlässig, später durfte Bisky beruflich reisen. Mit dem Bau der Mauer habe er sich politisch in die damals „beliebte ‚Einsicht in die Notwendigkeit’ geübt“ (53), schreibt Bisky. Er studiert Philosophie, geht später an das Zentralinstitut für Jugendforschung, wird Professor für Kulturtheorie an der Humboldt-Universität Berlin und 1986 Rektor der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Babelsberg, eine insgesamt beachtliche Karriere. Während er sich in seinen ersten Berufsjahren „etwas weltfremd“ (92) vollständig der Wissenschaft verschrieben hatte – Bisky verschweigt nicht, damit den politischen Problemen und Widersprüchlichkeiten des SED-Regimes aus dem Weg gegangen zu sein – bezieht er als Hochschulrektor für die Arbeiten seiner Studenten und damit für mehr Offenheit vorsichtig Stellung. Ein Mann der leisen Töne bleibt Bisky auch nach der Wende. Als Leser bedauert man dies bei der Lektüre gelegentlich, so bei der Erwähnung, dass seine Frau ohne sein Wissen als IM für die Stasi gespitzelt hatte. Gerne hätte man mehr über die persönlichen Konflikte erfahren, in die der Einzelne durch das politische und gesellschaftliche System der DDR geraten konnte. Gerade diese Erfahrungen hätten es vielleicht deutlicher gemacht, warum sich Bisky nach der Wende in der PDS engagierte, obwohl er 1990 nicht beabsichtigte, in der Politik zu bleiben. Für ihn steht seine Partei für die Menschen im Osten, die nicht so tun, als ob sie erst 1989 geboren wären und sollte deshalb seiner Ansicht nach – ohne die DDR zu beschönigen – Teil des politischen Lebens Gesamtdeutschlands sein.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.32.3142.3152.331 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Lothar Bisky: So viele Träume. Berlin: 2005, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/23872-so-viele-traeume_27443, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 27443 Rezension drucken
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