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/ 22.06.2013
Frederick Taylor

Zwischen Krieg und Frieden. Die Besetzung und Entnazifizierung Deutschlands 1944-1946. Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt

Berlin: Berlin Verlag 2011; 519 S.; 28,- €; ISBN 978-3-8270-1011-7
War Deutschland im Mai 1945 befreit? War die deutsche Nachkriegszeit das Vorzeigebeispiel für Nation Building? Taylor beschreibt eine anfänglich chaotische Nachkriegsplanung der vier Siegerstaaten, die ab Ende 1944 auf Reichsgebiet gegen Hitler-Deutschland kämpften. Einzig sicher schien allen Politikern und Planern die Annahme der totalen Niederlage der Deutschen, kein neues „1918“ sollte es geben, Deutschland sollte keine Staatlichkeit mehr aufweisen. Die Anglo-Amerikaner wollten als Besatzer auftreten, sie kamen nicht als Befreier. Sie wollten bestrafen. Aber kaum waren die Kapitulationsurkunden unterschrieben, begann ein politischer Schlingerkurs, auf dem wiederholt politisches Wunschdenken mit Pragmatismus und Realismus kollidierte: Während die Westalliierten sehr restriktiv gegenüber dem besiegten Deutschland agierten, schienen die sowjetischen Noch-Verbündeten sehr schnell eine politische Entwicklung voranzutreiben, die sich mit dem immer noch nicht überwundenen Morgenthau-Denken und der Direktive JCS 1067 über die Grundzüge der US-amerikanischen Besatzungspolitik nicht kompatibel zeigte. Die Westalliierten begriffen weniger durch Planung als durch Misserfolge, dass ihre Glaubwürdigkeit immens leidet, wenn sie einerseits demokratische Grundsätze predigten, aber im Falle Deutschlands andererseits gerade diese Prinzipien aussetzten. Gewaltübergriffe – nicht nur die Vergewaltigungen in der sowjetischen Zone – und Hunger beförderten die Demokratie nicht. Taylor bietet keine politische Geschichte, auch keine strikt chronologische Darstellung. Vielmehr lädt er sein Lesepublikum zu wiederholten Perspektivwechseln ein, nicht zuletzt dadurch, dass er immer wieder sehr nah an Einzelschicksale herangeht: Sei es der Kriegsgefangene, der froh darüber ist, in amerikanisches Gewahrsam gelangt zu sein, nur um sich noch mehr darüber zu freuen, dass er die schlechte Versorgung der ersten Wochen in den Rheinauen auch überlebt hat. Oder sei es der Zahnarzt in Koblenz, der gerade wegen seiner Expertise eine positive Behandlung durch die Franzosen erfährt. Taylor gelingt es, nicht in unzulässige Verallgemeinerungen zu verfallen. Das scheinbar Bekannte wird durch ihn facettenreich und detailliert gegen den Strich gebürstet. Das Ergebnis ist eine sehr lesenswerte Geschichte einer schwierigen Nachkriegszeit, die noch nichts von dem Erfolgsmodell des deutschen Nation Building erkennen lässt.
Axel Gablik (AG)
Dr., Historiker.
Rubrizierung: 2.3134.1 Empfohlene Zitierweise: Axel Gablik, Rezension zu: Frederick Taylor: Zwischen Krieg und Frieden. Berlin: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/34380-zwischen-krieg-und-frieden_41284, veröffentlicht am 19.01.2012. Buch-Nr.: 41284 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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