Portal für Politikwissenschaft

Staatlichkeit in Zeiten des Statebuilding

Berit Bliesemann de Guevara

Staatlichkeit in Zeiten des Statebuilding. Intervention und Herrschaft in Bosnien und Herzegowina

Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang 2009 (Strategische Kultur Europas 6); 367 S.; pb., 51,80 €; ISBN 978-3-631-58966-3
Politikwiss. Diss. HSU Hamburg; Gutachter: A. Pradetto, V. Matthies. – Die Autorin zeigt anhand einer Fallstudie zu Bosnien-Herzegowina, dass die westliche Interventionspolitik aufgrund inhärenter Beschränkungen bestenfalls ambivalente, in der Regel wenig steuerbare Ergebnisse hervorbringt. Sie untersucht die Auswirkungen des Statebuilding auf die zwei zentralen Dimensionen staatlicher Herrschaft, Handlungsfähigkeit und Legitimität, und beobachtet sowohl staatsstärkende als auch staatsschwächende Prozesse. Ursächlich hierfür ist das Aufeinandertreffen von Eingriffen internationaler Akteure auf historisch-strukturelle Faktoren innerhalb des Zielstaates. In nichtwestlichen Gesellschaften bestehen hybride Formen der Staatlichkeit, welche die Ziele der Interventen verformen und zu nichtintendierten Dynamiken der De- und Institutionalisierung und gesellschaftlichen Machtkämpfen führen. Die Internationalisierung des Zielstaates wird zunächst von den externen Akteuren bewusst gefördert: In Bosnien wird für alle drei staatliche Kernbereiche – Finanzierung sowie Gewalt- und Rechtsordnung – eine fehlende Autonomie des Zentralstaates und eine hohe Gestaltungskraft internationaler Akteure nachgewiesen. Die gewünschten Ergebnisse der Interventen zeigen sich dennoch nicht. Aus der durch Statebuilding-Praktiken hervorgerufenen Einschränkung der Handlungsfähigkeit des Staates resultiert eine Zunahme informeller Herrschaftsformen. So ergibt sich die in Bosnien erfahrbare Diskrepanz zwischen Form und Inhalt des Staates. Während die formale staatliche Herrschaft – moderne und rational operierende gesamtstaatliche Organe – institutionalisiert werden konnte, bleibt die inhaltliche Komponente – die Bindung zwischen Gesellschaft und Staat und damit dessen Legitimität – rückständig oder gar rückläufig. Bliesemann de Guevara bietet eine empirisch reichhaltige und analytisch originelle Studie, welche die normativen Prämissen der „Zeiten des Statebuilding“ (39) hinterfragt und tiefere Strukturen und Logiken aufzeigt.
Christian Haas (CHA)
M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 4.41 | 2.21 | 2.2 | 2.61 | 4.1 Empfohlene Zitierweise: Christian Haas, Rezension zu: Berit Bliesemann de Guevara: Staatlichkeit in Zeiten des Statebuilding. Frankfurt a. M. u. a.: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/31669-staatlichkeit-in-zeiten-des-statebuilding_37736, veröffentlicht am 25.01.2010. Buch-Nr.: 37736 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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