/ 17.06.2013
Leo Trotzki
Stalin. Eine Biographie
Essen: Arbeiterpresse Verlag 2001; 505 S.; 25,90 €; ISBN 3-88634-078-3Diese Stalin-Biographie entspricht bis auf wenige Korrekturen der 1952 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienenen deutschen Erstausgabe. Das Buch blieb unvollendet: Während der Arbeit an dem Manuskript wurde Trotzki in seinem mexikanischen Exil von GPU-Agenten ermordet. Nachdem Trotzki sich in zahlreichen Schriften gegen Stalins Politik gewandt hat, bezweckt er hier eine Generalabrechnung mit seiner Person. Die Biographie konzentriert sich auf die Schilderung von Stalins Werdegang: "Das Ziel, das ich mir mit dieser politischen Biographie gestellt habe, ist aufzuzeigen, wie sich eine Persönlichkeit von dieser Art und diesem Charakter gebildet hat und zur Macht gelangen konnte durch die Anmaßung von Rechten, die sie in die Lage versetzten, eine so außergewöhnliche Rolle zu spielen." (7) Geradezu als Antithese zu dem in der Sowjetunion betriebenen Personenkult stellt Trotzki die These auf, dass Stalin bloß das Produkt eines bürokratischen Apparates sei, der nach der Revolution von 1917 in Reaktion auf den "imperialistischen Krieg" (429) geschaffen werden musste: "Stalin riß die Macht an sich, nicht aufgrund persönlicher Leistungen, sondern mit Hilfe eines unpersönlichen Apparates. Und es war nicht er, der den Apparat geschaffen, sondern der Apparat hatte ihn geschaffen. Dieser Apparat in seiner Stärke und seiner Autorität war das Produkt des langen und heroischen Kampfes der bolschewistischen Partei, die aus sich heraus die Ideen entwickelt hat. Der Apparat war Träger dieser Ideen, bevor er zum Selbstzweck wurde." (12) Stalins Stärken sind allein sein unbedingter Machtwille und seine Verschlagenheit; intellektuell kennzeichnet Trotzki ihn als "mediokre[n] Mensch[en]", der "unfähig [ist], logische Schlüsse zu ziehen" (438). Das zeigt sich aus Trotzkis Sicht vor allem darin, dass Stalin die marxistische Theorie nicht begriffen hat und sich in Wahrheit auch nicht für sie interessierte: "Für Stalin ging es nicht um den allgemeinen Kurs der Revolution, sondern vielmehr um sein eigenes Geschick" (425). Damit verkörpert er für Trotzki das Gegenprinzip zur Revolution: die bürokratische, "thermidorianische Reaktion" (429). Stalins Machiavellismus (10) stellt der Autor die Idee des Trotzkismus gegenüber, der für das wahre bolschewistische Erbe, die Idee der permanenten Revolution und das Ziel der radikalen Gleichheit steht (441).
An der Berechtigung der bolschewistischen Revolution lässt Trotzki selbstverständlich keinen Zweifel aufkommen: Grausam ist Stalin nicht, weil er über Leichen geht, sondern weil seine Morde allein dem Machterhalt dienen. Nach Trotzki muss die alte Moral durch eine neue abgelöst werden (siehe 427), was impliziert, dass in der notwendigen Übergangsphase jegliche Moralität aufgehoben wird. Nicht die Aufhebung der Moral ist deshalb an Stalin zu kritisieren, sondern dass diese Aufhebung nicht mit der Hoffnung auf eine neue Moral verbunden ist. Doch dieses Schicksal teilt Stalin mit jedem, der bislang versucht hat, die kommunistische Idee in die Praxis umzusetzen.
Hendrik Hansen (HH)
Dr., Lehrbeauftragter, Politische Theorie und Ideengeschichte, Universität Passau.
Rubrizierung: 2.62
Empfohlene Zitierweise: Hendrik Hansen, Rezension zu: Leo Trotzki: Stalin. Essen: 2001, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/15257-stalin_17344, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 17344
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Dr., Lehrbeauftragter, Politische Theorie und Ideengeschichte, Universität Passau.
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