/ 05.06.2013
Peter Böhmer
Wer konnte, griff zu. "Arisierte" Güter und NS-Vermögen im Krauland-Ministerium (1945-1949) Mit einem Beitrag von Gerhard Jagschitz
Wien/Köln/Weimar: Böhlau Verlag 1999; XXXVI, 226 S.; geb., 58,- DM; ISBN 3-205-99053-6Beschrieben wird die Geschichte des österreichischen Bundesministeriums für Vermögenssicherung und Wirtschaftsplanung, oft "Krauland-Ministerium", nach seinem ÖVP-Minister Peter Krauland benannt, unter der Regierung von Bundeskanzler Figl existierte. Aufgabe des Ministeriums war es, das wirtschaftliche Erbe des Nationalsozialismus aufzuarbeiten - es hatte die Rückgabe von Vermögen politischer Organisationen und die Verwertung (Verkauf oder Verpachtung) von Gütern zu regeln, die nach Kriegsende ohne Besitzer waren. Doch anstatt eine unabhängige Behörde zu sein, entwickelte sich - so Böhmer - das Ministerium zu einem machtpolitischen Instrument von parteipolitischen Geschäftemachern. Die ÖVP und auch die SPÖ benutzten das Ministerium, um so genannte "arisierte" Güter und NS-Vermögen unter ihre Kontrolle zu bringen. Es ging dabei beispielsweise um Druckereien, Verlage, Kinos, Theater oder Hallenbäder. Entschieden wurde zum Teil auch über das Schicksal von Firmen, die vor 1938 in jüdischem Besitz waren. Dabei wurde den "einstigen Opfern, den vertriebenen Juden, die Rückstellung ihres einstigen Vermögens" erschwert, während man "den Tätern [...] auf politischer, juristischer und administrativer Ebene sehr oft entgegen" kam. "Der Konsens aus Politik, Administration und Justiz [...] ermöglichte es vielen verurteilten Nationalsozialisten, im Verlauf weniger Jahre über den Weg der Intervention wieder zu ihrem Vermögen zu gelangen" (133). Böhmers Bewertung des Krauland-Ministeriums fällt alles andere als positiv aus: "Die Vielzahl von Verstößen und Bereicherungen der unmittelbaren Nachkriegsjahre 1945 und 1946, die aus verschiedensten Gründen und Notwendigkeiten bagatellisiert wurden, schufen ein Klima, in dem Korruption auf höchster Ebene möglich wurde. Als das 'Netzwerk der ÖVP' im Ministerium nahezu absolute Macht erlangte, kam es im Interregnum unter Bundeskanzler Figl zu 'absoluten' Korruptionsfällen. Das Ministerium wurde zum Selbstbedienungsladen." (143) Laut Verlagsinformation hat diese von Jagschitz betreute Dissertation des Publizisten und Historikers Böhmer in Österreich großes Aufsehen gefunden.
Inhaltsübersicht: Gerhard Jagschitz: Eine Vorgeschichte. Im Koalitionsnebel: Parteien und Demokratie am Beginn der Zweiten Republik (IX-XXXVI). Das Krauland-Ministerium - Debüt; Das Innenleben des Ministeriums: Personal; Budget; Organisation; Entnazifizierung; Ämterkumulation; Bereicherung und Privilegien; Die Entscheidungsträger. Macht und Ohnmacht des Ministeriums: Rückstellung "arisierten" Vermögens; Das Instrument "öffentlicher Verwalter"; Vermögen der NS-Organisationen; Nachsicht mit verurteilten Nationalsozialisten. Das Krauland-Ministerium - Agonie.
Sabine Steppat (Ste)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.4
Empfohlene Zitierweise: Sabine Steppat, Rezension zu: Peter Böhmer: Wer konnte, griff zu. Wien/Köln/Weimar: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/7939-wer-konnte-griff-zu_10526, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 10526
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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