/ 04.06.2013
Lothar Späth
Blühende Phantasien und harte Realitäten. Wie der Umschwung Ost die ganze Republik verändert
Düsseldorf/München: Econ 1997; 272 S.; geb., 39,80,- DM; ISBN 3-430-18638-2Wenn ein ehemaliger Ministerpräsident, jetzt Vorstandsvorsitzender der "Jenoptik AG" und Talkshowmoderator bei n-tv, sich über die wirtschaftliche Lage und die Aussichten für das vereinigte Deutschland ausläßt, hebt sich dies deutlich von so manchen theoretisch-wissenschaftlichen Veröffentlichungen ab. Statt der inzwischen üblichen Politikverdrossenheitsplatte und den obligatorischen Beschreibungen ökonomischer Krisensymptome spürt man bei Späth Optimismus und Aufbruchsgeist - das berühmte halbleere Glas ist halbvoll und Kritik gestaltet er konstruktiv. Dabei beschönigt der Autor die Lage in Ostdeutschland keineswegs. Er sieht dort die Hälfte der Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe gefährdet und führt dies darauf zurück, daß die Transferleistungen aus Bonn bisher eher das binnenmarktorientierte Bau- und Konsumgewerbe unterstützt haben. Nun jedoch sei es an der Zeit, stärker exportorientierte Branchen zu fördern, die weniger von der Binnennachfrage abhängig seien und sich auf dem Weltmarkt behaupten können. Es mache allerdings keinen Sinn, wie bisher ausgerechnet Schiffbau und Mineralölverarbeitung hoch zu subventionieren, da es in diesen Branchen weltweit Überkapazitäten gebe (55 ff.). Späth sieht in der Vereinigung eine Chance: Aus dem Aufbau Ost müsse der Umbau von ganz Deutschland werden. Ebenso zeigt er sich als ein entschiedener Befürworter des EURO. Die gegenwärtige Diskussion "ist eine Mischung aus Vorwahlkampf und politischem Kabarett" (143). Der EURO habe positive Effekte für die Ausgabendisziplin der Mitgliedsländer und für das Preisniveau aus der Sicht der Verbraucher. Das Problem sei nicht der EURO, sondern die Konkurrenzfähigkeit gegenüber Amerika, Japan und Korea (159). En passant fordert Späth die Einführung eines mehrheitsbildenden Wahlrechts, um die blockierte "Hinterzimmerdemokratie" abzulösen. Zudem spricht er sich für eine Verlängerung der Wahlperiode aus, um eine längerfristig orientierte Politik zu ermöglichen (216 f.).
Inhaltsübersicht: I. Die Deutschen und das Geschenk der Einheit; II. Blühende Phantasien und harte Realitäten; III. Chancen im Osten - der Osten als Chance; IV. Blieb Ludwig Erhard ohne Enkel?; V. Maastricht ohne Mauer; VI. Keine Auszeit für Deutschland; VII. Zukunftswerkstatt oder Zukunftsbetrieb; VIII. Wirtschaft ist nicht alles.
Stefan Lembke (SL)
M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.342 | 2.3 | 2.313
Empfohlene Zitierweise: Stefan Lembke, Rezension zu: Lothar Späth: Blühende Phantasien und harte Realitäten. Düsseldorf/München: 1997, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/3892-bluehende-phantasien-und-harte-realitaeten_5541, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 5541
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M. A., Politikwissenschaftler.
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