/ 31.07.2014
Zoltán Tibor Pállinger (Hrsg.)
Das Konzept des (Staats-)Bürgers. Analysen aus politik-, rechts- und wirtschaftswissenschaftlicher Perspektive
Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2014 (Andrássy Studien zur Europaforschung 12); 236 S.; brosch., 44,- €; ISBN 978-3-8487-1000-3Die Frage nach der Staatsbürgerschaft ist zunächst ein politiktheoretischer Gegenstand: Ist der Staatsbürger Träger von bestimmten staatlich garantierten Rechten (liberale Konzeption) oder eher die einzig legitime Ursache staatlicher Ordnung (republikanische Konzeption)? Dass die Gewichtung beider idealer Komponenten die jeweiligen Staatsbürgerschaftsmodelle charakterisiert (Zoltán Tibor Pállinger), ist ebenso evident wie der Befund, dass mit dem Begriff des Bürgers historisch und kulturell wechselnde Semantiken impliziert werden können (András Masát). Vor diesem Hintergrund wirkt das von Dietmar Meyer vorgetragene Plädoyer, mehr Bürgerlichkeit zu wagen, irritierend, zumal das Verhältnis von Staatsbürgerschaft als juristischer Terminus und Bürger als soziale Kategorie nicht völlig klar aufgelöst wird. Zugleich basiert die Konzeption von Staatsbürgerschaft meist auf einer mehr oder weniger impliziten Orientierung am Staat, die aber faktisch immer weniger gesellschaftliche Wirklichkeit ist. Wie sehr veranlasst dieser Trend, sich etwa für eine Ausweitung des external votings auszusprechen (Ellen Bos)? Die Antwort ist bei aller Differenzierung recht restriktiv: Das Wahlrecht für im Ausland lebende Bürger schwächt die politische Legitimität demokratischer Systeme, weshalb Bos sich gegen eine unmittelbare Kopplung von Wahlrecht und Staatsbürgerschaft ausspricht. Aber würde dies nicht das Konzept der Staatsbürgerschaft weiter schwächen, ja ihre über das Juristische hinausgehende Integrationskraft reduzieren? Und vor allem: Geht dies nicht an der faktischen Lebenswirklichkeit vorbei? So wirkungsmächtig die Idee der nationalen Staatsbürgerschaft noch immer ist, sie wird letztlich durch transnationale und regionalistische Neuorientierungen der Bürger selbst infrage gestellt (Franz Cede). Vor diesem Hintergrund erscheint es plausibel, angesichts der desintegrativen Tendenzen innerhalb der EU für eine Stärkung der Unionsbürgerschaft zu plädieren (Siegfried Franke). Anzumerken ist, dass sich nicht alle Beiträge direkt mit dem Thema Staatsbürgerschaft beschäftigen, aber mitunter durchaus lesenswert sind, so wie der demokratietheoretisch ausgerichtete Text von Eva Odzuck. Der Band geht auf ein interdisziplinäres Kolloquium an der Andrássy Universität Budapest aus dem Jahr 2012 zurück.
Frank Schale (FS)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 2.21 | 5.41 | 3.1 | 2.61 | 2.23 | 2.22 Empfohlene Zitierweise: Frank Schale, Rezension zu: Zoltán Tibor Pállinger (Hrsg.): Das Konzept des (Staats-)Bürgers. Baden-Baden: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/37362-das-konzept-des-staats-buergers_45848, veröffentlicht am 31.07.2014. Buch-Nr.: 45848 Inhaltsverzeichnis Rezension druckenDr., wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Technische Universität Chemnitz.
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