/ 22.06.2013
Theodor Heuss
Hochverehrter Herr Bundespräsident! Der Briefwechsel mit der Bevölkerung 1949-1959. Hrsg. und bearb. von Wolfram Werner
Berlin/New York: Walter de Gruyter 2010 (Theodor Heuss. Stuttgarter Ausgabe: Briefe); 588 S.; 39,95 €; ISBN 978-3-598-25126-9„Der Likörkonsum im Präsidialhaushalt ist, soweit wir das übersehen können, freilich gering“ (126), beschied Hans Bott, persönlicher Referent des Bundespräsidenten freundlich einem Abt, der Heuss eine Flasche Kräuterlikör zukommen ließ. So wie dieser wandten sich allein in den ersten drei Jahren der Präsidentschaft 500.000 Bürgerinnen und Bürger schriftlich an Heuss, der entweder selbst zurückschrieb oder die Briefe von seinen Mitarbeitern beantworten ließ. Oft sind es nur knappe Zeilen, in denen um Verständnis darum gebeten wird, dass der Bundespräsident angesichts der täglichen Briefflut kaum auf ein Schreiben genauer eingehen kann. Immer aber ist herauszulesen, dass es sich um keine standardisierten Antworten handelte – stets wird der Ton der schreibenden Bürgerin oder des schreibenden Bürgers aufgegriffen, für wärmende Worte freundlich gedankt, Ansinnen, von höchster Stelle gefördert zu werden, entschieden abgewiesen und derben politischen Angriffen eine klare Absage erteilt: „[Der Bundespräsident] hat auch einiges Verständnis für eine derbe Tonlage, die zu ihm kommt, aber auf eine Auseinandersetzung mit Ihnen kann er sich bei der totalen Unrichtigkeit Ihrer Äußerungen nicht einlassen, umsomehr, als ihm das Geschimpfe keine gewohnte Verkehrsform ist“ (120). Aus den meisten abgedruckten Briefen aber, an die immer die Antworten angehängt wurden, lässt sich herauslesen, welche hohe Wertschätzung Heuss bei vielen Bürgerinnen und Bürgern besaß, er wurde von ihnen als Ansprechpartner wahrgenommen, für private wie politische Belange gleichermaßen – bis hin zu kleinen Nöten, bei denen fast nur Heuss selbst abhelfen konnte: So benötigte ein Pfarrer, der Heuss’ Biografie über Friedrich Naumann auf der Flucht verloren hatte, ein neues Exemplar für die Abiturprüfung seiner Schüler. Heuss schickte ihm ein Exemplar mit der Bitte, „die Schenkung vertraulich zu behandeln, da es eine seltsame Gewöhnung vieler Deutscher ist, mich um meine Bücher zu bitten“ (316). Insgesamt vermittelt diese Briefauswahl einen Eindruck davon, was die Menschen in jener Zeit privat, vor allem aber auch politisch bewegte.
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Rubrizierung: 2.3 | 2.313
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Theodor Heuss: Hochverehrter Herr Bundespräsident! Der Briefwechsel mit der Bevölkerung 1949-1959. Berlin/New York: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/32588-hochverehrter-herr-bundespraesident-der-briefwechsel-mit-der-bevoelkerung-1949-1959_38897, veröffentlicht am 13.04.2011.
Buch-Nr.: 38897
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