/ 05.06.2013
Stefan Kaletsch
Menschenbild, Moral und wirtschaftliche Entwicklung
Münster: Lit 1998 (Ethik und Wirtschaft im Dialog 10); 173 S.; brosch., 39,80 DM; ISBN 3-8258-3804-8Diss. Marburg; Erstgutachter: H.-G. Krüsselberg. - Der Anspruch der Studie besticht nicht eben durch erkenntnistheoretische Zurückhaltung: Ziel ist die Erarbeitung eines neuen sozialwissenschaftlichen Ansatzes, der das in der Ökonomie immer noch vorherrschende neoklassische Paradigma "niederzukonkurrieren vermag" (153). Gerade aus der Sicht der klassischen Volkswirtschaftslehre, insbesondere in bezug auf die moralphilosophischen Werke von Smith und Hume, sei es völlig unverständlich, daß der Neoklassik ein Menschenbild zugrunde liege, das die Bedeutung ethischer Normen für menschliche Handlungen völlig unberücksichtigt läßt. Der Autor stellt überzeugend die Defizite einer Wirtschaftstheorie heraus, die sich lediglich auf einen rein instrumentellen Vernunftbegriff stützt. Demgegenüber lassen sich moralische Handlungsorientierungen als "soziales Beziehungsvermögen" (76) durchaus schlüssig in wirtschaftstheoretische Modelle einfügen, da sie "langfristig und ganzheitlich betrachtet Kooperationsvorteile" (157) bringen. Die von Kaletsch in Abgrenzung zum Rationalitätsbegriff der Neoklassik vorgeschlagene Begründung von Moral beruht jedoch seinerseits auf einem eingeengten Verständnis praktischer Vernunft. Die alleinige Rückbindung moralischer Handlungen an bestimmte Grundemotionen steht im Kontrast zur "Wesensbestimmung", Moral gründe auf einem Verallgemeinerungsprinzip, auf Urteilsvermögen und "dem wechselseitigen Zugeständnis von Handlungsspielräumen" (126). Ob eine im wesentlichen auf Schuld- und Schamgefühle gegründete Ethik den Ansatz einer neuen Handlungstheorie genügend trägt, bleibt denn äußerst fraglich.
Inhaltsübersicht: II. Von der Notwendigkeit und der Problematik eines Menschenbildes in der Ökonomik; III. Handlungsmotive als Ausgangspunkt einer Sozialtheorie; IV. Die Rolle der Emotion im Handlungsprozeß; V. Die Bedeutung von Moral für menschliche Handlungen; VI. Resümee: Entwurf eines neuen Menschenbildes für die Ökonomik.
Andreas Eis (AE)
Jun.-Prof. Dr., Didaktik des politischen Unterrichts und der politischen Bildung, Institut für Sozialwissenschaften Oldenburg, Fakultät I.
Rubrizierung: 5.45 | 5.44
Empfohlene Zitierweise: Andreas Eis, Rezension zu: Stefan Kaletsch: Menschenbild, Moral und wirtschaftliche Entwicklung Münster: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/8154-menschenbild-moral-und-wirtschaftliche-entwicklung_10768, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 10768
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Jun.-Prof. Dr., Didaktik des politischen Unterrichts und der politischen Bildung, Institut für Sozialwissenschaften Oldenburg, Fakultät I.
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