/ 21.06.2013
Jürgen Schraten
Die kollektive Erinnerung von Staatsverbrechen. Eine qualitative Diskursanalyse über die parlamentarische Bewertung der SED-Diktatur
Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2007; 182 S.; brosch., 34,- €; ISBN 978-3-8329-3164-3Soziolog. Diss. Gießen; Gutachter: H. Dubiel. – Der Deutsche Bundestag hat in zwei Enquete-Kommissionen „Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland“ sowie „Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozess der deutschen Einheit“ im Laufe von sechs Jahren zahlreiche Erzählungen und Berichte, Dokumente und Expertisen, Anklagen und Verteidigungen über vier Jahrzehnte kommunistischer Diktatur im Osten Deutschlands zusammengetragen. Der Autor beschreibt und analysiert diese über sechs Jahre andauernden Parlamentsdebatten. Er arbeitet zunächst deren inhaltlichen Kern heraus. Die wissenschaftliche Methode Schratens besteht in einer Verknüpfung zweier widerstreitender Theorien: Zunächst wird mit der strukturalistischen Herangehensweise nach Foucault der chronologische Argumentationsverlauf erkennbar gemacht. Die Diskursethik von Habermas dient anschließend zur Enthüllung der kausalen Wirkungsweisen in einer parlamentarischen Debatte. Der Autor beschreibt, wie sich im Laufe der Auseinandersetzung allmählich ein „antitotalitärer Konsens“ herausbildete. Eine wesentliche Rolle in der Begründung des antitotalitären Konsenses habe die Bewertung von historischen Ereignissen der DDR-Geschichte gespielt. Der Prozess der parlamentarisch initiierten Vergangenheitsaufarbeitung aus der gesamtdeutschen Perspektive habe einer nachträglich repräsentativen Selbstdarstellung der DDR-Bevölkerung entsprochen. Besonders wichtig sei dabei gewesen, dass die Beseitigung des DDR-Unrechtsregimes durch die eigene Bevölkerung „eine hervorgehobene Positionierung in der nicht sonderlich reichhaltigen Freiheitstradition der deutschen Geschichte“ (178) nach sich zog. Die analysierten Debatten verdeutlichten, dass die DDR „jede Legitimation eingebüßt hatte“ (179).
Sabine Steppat (STE)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.35 | 2.321
Empfohlene Zitierweise: Sabine Steppat, Rezension zu: Jürgen Schraten: Die kollektive Erinnerung von Staatsverbrechen. Baden-Baden: 2007, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/28781-die-kollektive-erinnerung-von-staatsverbrechen_33955, veröffentlicht am 29.07.2008.
Buch-Nr.: 33955
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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