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/ 17.06.2013
Henryk M. Broder

Kein Krieg, nirgends: Die Deutschen und der Terror. Mit einem Text von Reinhard Mohr

Berlin: Berlin Verlag 2002; 215 S.; geb., 18,- €; ISBN 3-8270-0442-X
Schon bald nach den Terroranschlägen in Amerika waren sie auf allen Kanälen zu sehen und in allen Zeitungen zu lesen: diejenigen, die es immer schon gewusst hatten, diejenigen, die von jeher gemahnt hatten, es könne so nicht gutgehen, diejenigen, die nun endlich ihre Wahrheit verkünden mussten: Amerika war im Grunde genommen selber Schuld. Und weil die Amerikaner ihnen nun auch noch den Gefallen taten, sich wehren zu wollen, konnten gleich wieder die alten Schlachten geschlagen werden, frei nach Matthias Claudius: "S'ist leider Krieg - und ich begehre nicht schuld daran zu sein." Broder geißelt diese selbstgerechte, klischeebehaftete und völlig realitätsfremde Haltung in seiner mit harter Ironie, streckenweise sogar mit grimmigem Sarkasmus geschriebenen Philippika gegen die Heuchler aus der bundesdeutschen Intellektuellenkaste, denen tatsächlich auch angesichts von über dreitausend Toten nichts Besseres einfiel als versteckt oder offen auf die Amerikaner einzuprügeln. Die Beispiele, die Broder zusammengetragen hat, lassen dem Leser die Haare zu Berge stehen. Da faselt noch am Tag der Anschläge der Paderborner Moraltheologe Drewermann vom Terror als der "Sprache einer verweigerten politischen Diskussion" (20), weil er flugs den später immer wiederkehrenden Zusammenhang zum Palästina-Konflikt herstellt. Dem Ex-Fernsehmoderator Willemsen fällt nichts Klügeres ein, als bei Alfred Biolek von der "Erhabenheit der Katastrophe", der "Erhabenheit unserer Schaulust" (50) und der "Symbolik der Türme" (52) zu reden und Broder nimmt dieses pseudointellektuelle Geschwätz ebenso nach allen Regeln der Kunst auseinander wie Äußerungen von Grass, Strasser, Negt, Staeck und anderen Intellektuellen, aber auch den teils atemberaubenden Blödsinn von diversen Entertainment-Promis. Broders Hauptthese ist dabei, dass alle diese scheinbar so friedensbewegten Statements im Grunde genommen nur dazu dienen, sich selbst zu bespiegeln. Immer wieder wird eine Verbindung zur deutschen Geschichte hergestellt, ob dies nun passt oder nicht. Mit der deutschen Kriegserfahrung werden flammende Appelle gegen den Krieg in Afghanistan begründet. Die Amerikaner werden als Kriegstreiber beschuldigt, schwerste Konsequenzen für die ganze arabische Welt werden heraufbeschworen, während in Kabul die Menschen zum ersten Mal seit Jahren wieder auf den Straßen tanzen. Zielrichtung für die deutsche kommentierende Klasse (Broder) ist stets im Grunde nur die Verteidigung der eigenen Unbeflecktheit. Sicher genügt Broders Buch keinen wissenschaftlichen Ansprüchen. Dies war auch überhaupt nicht beabsichtigt. Es wird ebenso sicher auch vielfach der Vorwurf erhoben werden, mit aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten dürfe man keine so harte Kritik begründen. Wer jedoch auch nur mit einem Ohr die Diskussionen nach dem 11. September verfolgt hat, weiß, wie viel Wahrheit in Broders scharfen Attacken gegen den latenten Antiamerikanismus weiter deutscher Intellektuellenkreise steckt. Zudem schreibt Broder streckenweise brilliant. Das Buch wäre eine geradezu amüsante Lektüre, wenn die ganze Sache nicht so traurig wäre.
Walter Rösch (WR)
M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.352.332.322.25 Empfohlene Zitierweise: Walter Rösch, Rezension zu: Henryk M. Broder: Kein Krieg, nirgends: Die Deutschen und der Terror. Berlin: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/16976-kein-krieg-nirgends-die-deutschen-und-der-terror_19497, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 19497 Rezension drucken
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