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/ 20.06.2013
Jürgen Bertram

Mattscheibe. Vom Niedergang des Fernsehens

Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag 2006; 240 S.; 2. Aufl.; 8,95 €; ISBN 3-596-16393-5
Bertram arbeitete fast dreißig Jahre lang als Journalist beim NDR-Fernsehen, u. a. als Asien-Korrespondent in Peking und Singapur. Als er zurückkam, fand er ein völlig verändertes Medium vor. Den Bildungsauftrag habe auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen längst vergessen, allenthalben regiere ein schier unaufhaltsamer Trend zur Boulevardisierung. Bertram weiß gut zu erzählen. Seine Geschichten aus dem journalistischen Nähkästchen sind sehr aufschlussreich. Den Verfall der Sitten diagnostiziert Bertram über viele Jahre hinweg auf mehreren Feldern. In der Berichterstattung über Politik hinterließen Pressionsversuche von Politikern ihre Spuren. Die Banalisierung politischer Sachverhalte sei kaum aufzuhalten: „Der Begriff ‚Christiansen’, soviel steht fest, gilt mittlerweile auch als Synonym für die inhaltliche Erosion des öffentlich-rechtlichen Programms“ (181). Kritischen Sportjournalismus gebe es nicht mehr, die Kollegen trieben sich lieber als Moderatoren bei Sportsponsoren herum. Die „Entsorgung gesellschaftlicher Reflexion aus dem Hauptabend-Progamm“ (140) nehme zu: Anspruchsvollere Fernsehfilme oder Dokumentationen landeten allzu oft im Nachtprogramm und hirnlose Volksmusik oder Konsalik-Verfilmungen würden zur Hauptsendezeit ausgestrahlt. An Beispielen aus Bertrams langer Karriere herrscht kein Mangel in diesem journalistisch geschriebenen Buch. Viele davon werden einem halbwegs aufmerksamen Fernsehzuschauer nicht neu vorkommen: Man muss schon weit weg gewesen sein, um sich noch über den allgegenwärtigen Parteieinproporz in den Fernsehanstalten zu wundern, und dass das Fernsehen aufklärerische Impulse weitgehend verloren hat, besitzt auch nur einen beschränkten Neuigkeitswert. Als Bericht eines Insiders hat dieses engagierte Buch jedoch durchaus seinen Wert. Der Fernsehzuschauer nickt zustimmend und fühlt nach dem von Rundfunkgebühren geschröpften Geldbeutel, wenn er Bertram trauriges Fazit mit einem Zitat aus der Weltbühne von 1931 liest: „Was bleibt denn da, ja was bleibt denn da? Das Tral, das Trala, das Trallala!“ (223).
Walter Rösch (WR)
M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.333 Empfohlene Zitierweise: Walter Rösch, Rezension zu: Jürgen Bertram: Mattscheibe. Frankfurt a. M.: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/25614-mattscheibe_29713, veröffentlicht am 16.08.2007. Buch-Nr.: 29713 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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